Rußland und seine Nachbarn
Paneuropa-Deutschland widmete den 65. Andechser Europatag, der am 21. und 22. März 2026 in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatskanzlei stattfand, dem Thema "Rußland und seine Nachbarn – von China bis zum Schwarzen Meer".
Nach Ansicht des Präsidenten der Paneuropa-Deutschland Bernd Posselt, mache Russland einen „verhängnisvollen Fehler“, wenn es sich „wie im Ukrainekrieg in Europa verbeißt und China fälschlicherweise für einen zuverlässigen Verbündeten hält.“ Peking strebe langfristig danach, den asiatischen Teil Rußlands zu dekolonisieren und die dort lebenden Völker in seinen Bannkreis zu ziehen. Posselt rechnet damit, daß die Russische Föderation eines Tages zerfällt, wenn sie weiter der Putin’schen Politik folgt: „Ein demokratisches Rußland hingegen könnte ein Partner auf Augenhöhe von Vereinigten Staaten von Europa werden, die wir endlich aufbauen müssen, wollen nicht wir von der Landkarte verschwinden.“
Über Rußlands Desinformationsstrategien und den Verteidigungswillen der Ukraine sprach die Vorsitzende der dortigen Paneuropa-Jugend, Anastasiia Hatsenko. Im sowjetischen System sei es bei Information nie um Wahrheit gegangen, sondern um Kontrolle: „Realität wurde nicht abgebildet, sondern konstruiert; und diese Logik ist mit dem Zerfall der Sowjetunion nicht verschwunden, sondern hat sich weiterentwickelt.“ So versuche die Propaganda nicht mehr, die Menschen von einer einzigen Version zu überzeugen: „Sie erzeugt gleichzeitig viele, oft widersprüchliche Versionen von Ereignissen, um die Menschen dazu zu bringen, nicht mehr daran zu glauben, daß es überhaupt Wahrheit gibt.“
Michael Paul von der Stiftung Wissenschaft und Politik beschrieb die geostrategischen Veränderungen in der Arktis durch den Klimawandel.
Wilfried Jilge von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik informierte über „Europas verwundbarste Stellen vom Schwarzen Meer bis zum Ostseeraum.“ Zunächst thematisierte er die Instrumentalisierung russischer Minderheiten in den Baltischen Staaten durch von Moskau gelenkte Netzwerke, die Hochrüstung der russischen Streitkräfte im nördlichen Ostpreußen rings um Königsberg. Den Schwerpunkt legte Jilge jedoch auf die Schwarzmeer-Region, wo Rußland insbesondere das Asowsche Meer völlig unter seine Kontrolle gebracht habe. Er rief NATO und EU dazu auf, eine fundierte Schwarzmeer-Strategie zu entwickeln, die die EU-Mitgliedstaaten Rumänien und Bulgarien und die Kandidatenländer Ukraine und Moldau stabilisiert.
Pater Valentin Ziegler OSB begrüßte die 140 Gäste aus 11 Nationen auf Bayerns Heiligem Berg. Sein Orden feiere heute den Heimgang seines Gründers, des Europapatrons St. Benedikt, dessen Kloster Montecassino, im Zweiten Weltkrieg zerstört, zu einem Mahnpunkt des Friedens in Mittelitalien geworden sei. Die Paneuropa-Union diene diesem Frieden, indem sie Kommunikation pflege, aus der Geschichte lerne und sich den Unterschieden zwischen Nachbarn stelle.
Den Abend im Klostergasthof gestaltete der Iberisi-Chor, der die Gäste in verschiedene Landschaften Georgiens entführte und die dortige Tradition der Polyphonie pflegt, mit strahlenden Klängen aus dem Gottesdienst und temperamentvollen Alltagsliedern, von denen einige noch aus vorchristlicher Zeit stammen.
Der Sonntag begann mit einem Gottesdienst in der Andechser Wallfahrtskirche, den der frühere Abt des Benediktinerklosters St. Stephan in Augsburg, Emmeram Kränkl OSB. Er verwies die Paneuropäer für ihre Aufgabe an den Heiligen Benedikt: So wie dieser nicht vorhersehen konnte, daß seine Regel durch die vielen Klöster seines Ordens über 1500 Jahre hinweg Europa prägen sollte, so werde auch heute „kein Einsatz für ein christliches Europa ohne Folgen für die Zukunft bleiben. Das Gute setzt sich durch, das Böse trägt den Keim der Selbstzerstörung in sich selbst.“
Beim anschließenden Forum zum Thema „Ist Rußland wirklich stark“ erinnerte die Gründerin des Zentrums für liberale Moderne, Marie-Luise Beck von Bündnis 90/Die Grünen, an ihre eigenen Anfänge in der Friedensbewegung der achtziger Jahre. „Damals haben wir Nationalsozialismus, Weltkrieg und Shoa nicht bis zum Ende gedacht und nicht erkannt, daß das ‚nie wieder“ zwei Teile hat.“ In Bosnien habe sie dann die Realität des Krieges kennengelernt und die Absurdität der Lage der Bosnier, die von serbischen Extremisten angegriffen wurden, keine Waffen hatten und dann noch von der internationalen Gemeinschaft unter Waffenembargo gestellt wurden. Heute ist die ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin „der tiefen Überzeugung, daß die Ukrainer für unsere Freiheit und die Zukunft Europas kämpfen“ und ihre Bewaffnung notwendig sei.
Der ständige Ukraine-Berichterstatter des Europäischen Parlamentes, Michael Gahler (CDU), nannte als Stärken Rußlands den Rohstoffreichtum, die von Putin systematisch gesenkte Auslandsstaatsverschuldung, eine solide Finanzreserve durch Rohstoffverkäufe und eine boomende, anpassungsfähige Kriegswirtschaft. Mit Blick auf die Ukraine bestätigte er: „Die Hauptverantwortung liegt jetzt bei uns.“ Die USA lieferten nur noch gegen Bezahlung, und man könne nur hoffen, daß Trump die Satelitenbeobachtung weiter gestatte. Die Ukrainer entwickelten zwar eine eigene Waffenproduktion, aber Rußland habe Langstreckenraketen und Luftwaffe. Deshalb forderte Gahler die Lieferung des Taurus. Dies wäre auch ein politisches Signal der Entschlossenheit, „daß die Ukraine siegen muß“, für die Wahrnehmung in Rußland. Gahler rief zur Einheit im Europäischen Rat und zur Ermöglichung des 90-Milliarden-Kredits auf – „und vielleicht helfen ja die Ungarn am 12. April mit“, meinte er mit Hinblick auf eine mögliche Abwahl von Viktor Orban.
Der russische Journalist Andrey Gurkov wies darauf hin, daß die Stärke Rußlands seit Putins Amtsantritt vor 25 Jahren ein Hauptthema der Propaganda sei. Tatsächlich sei die größte, sehr ernst zu nehmende Stärke Rußlands die Propaganda. Eine weitere Stärke Rußlands sei die Bereitschaft, hemmungslos Menschenleben zu opfern – „Gott sei Dank ist Europa dazu nicht bereit, das ist das Gute an der europäischen Zivilisation“.
Zum Thema Standhaftigkeit fiel dem Geschäftsführer des christlichen Osteuropa-Hilfswerks Renovabis, Markus Ingenlath, sein eigener Wehrdienst ein: Für den Fall der Mauer seien die mutigen Demonstranten nötig gewesen, „aber auch die hunderttausenden, die im Westen Wehrdienst leisteten und glaubwürdig für Abschreckung sorgten.“ Er berichtete vom Wiederanstieg der Geheimdienstüberwachung schon zu Beginn der Putinzeit, als er für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Moskau war: „Ich fuhr nach Perm, und meine Mitarbeiter schickten meinen Lebenslauf an den dortigen KGB. Sie sagten: Das muß man! Auch mein Fahrer war KGB-Mitarbeiter.“ Zur Lage der Kirchen stellte er fest: „Die Kirchen in Rußland sind nicht frei.“
Der Vizepräsident der internationalen Paneuropa-Union Dirk H. Voß, warnte ebenso vor „Angst und Hysterie“ als auch vor „Tiefschlaf“ und lobte die Motivation und Innovationskraft der Ukraine, die hochrangige Militärs ohne Kriegserfahrung in Erstaunen versetzt habe. Mit Verweis auf das Wort von Paneuropa-Gründer Richard Coudenhove-Kalergi, daß für Pazifismus die militärische Überlegenheit auf der Seite des Friedens sein müsse, mahnte er insbesondere Deutschland, Überregulierung, etwa zu lange Abnahmeprozeduren bei der Drohnenproduktion, zu vermeiden: „Wir müssen uns von solchen Gewohnheiten lösen und nachdenken, was wir wirklich brauchen.“
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