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Internationale Paneuropa-Union

Europäischer Brief über Alcide De Gasperi und Otto von Habsburg

Der Europäische Brief „Alcide De Gasperi und Otto von Habsburg über das Europa der Völker und Kulturen” wurde am 25. Juli 2025 als Teil der Reihe der Europäischen Gesellschaft Coudenhove-Kalergi veröffentlicht.

Er enthält einen überarbeiteten Auszug aus der Rede von Pavo Barišić auf der internationalen Konferenz „Europa der Völker und Kulturen: Vom Denken De Gasperis und Otto von Habsburgs zu modernen Kulturbezirken”, die von Paneuropa Italien am 30. Mai 2025 im Schloss Miramare in Triest veranstaltet wurde.

EUROPÄISCHER BRIEF VOM 25. 7. 2025

ALCIDE DE GASPERI UND OTTO VON HABSBURG
ÜBER DAS EUROPA DER VÖLKER UND KULTUREN

Die Vision eines vereinten Europas als Gemeinschaft der Völker und der Kulturen, des Dialogs und der Würde ist im Grunde ein paneuropäisches Erbe. Visionäre wie Alcide De Gasperi und Otto von Habsburg haben diese Idee mit Überzeugung entwickelt und
gefördert. Beide Männer leisteten einen entscheidenden Beitrag zum Aufbau eines friedlichen Europas. Sie respektierten und verteidigten den Wert der kulturellen Vielfalt als Quelle der Bereicherung – nicht der Spaltung.

Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass das europäische Einigungsprojekt nie nur ein funktionales Unterfangen war, das sich auf einen gemeinsamen Markt konzentrierte. Es ist auch – und vor allem – ein politisches und kulturelles Projekt, das auf Einheit in der Vielfalt
basiert.

Für De Gasperi und von Habsburg war der Aufbau Europas als Gemeinschaft der Kulturen und Völker sowohl eine politische als auch eine geistige Berufung. Sie nahmen diese Mission im Geiste des „Propheten Europas“, Richard Coudenhove-Kalergi, auf. Ihre Ideen dienen daher bis heute als Leitlinien für die zukünftige Gestaltung der Europäischen Union.

De Gasperis Konzept eines „Europas der Völker“ sah einen Kontinent vor, der nicht durch die Auslöschung von Unterschieden, sondern durch ein respektvolles und kooperatives Zusammenleben geeint ist. Schon in seiner Jugend entwickelte er originelle Denkansätze, die auf eine kulturelle und politische Mobilisierung für ein vereintes Europa abzielten – stets auf Grundlage der politischen Realität und in Verbindung von Theorie und Praxis.

Die Förderung der Mehrsprachigkeit in der EU verdankt De Gasperi viel, der sich schon in jungen Jahren für diese Ausrichtung einsetzte. Ab 1904 widmete er sich als Herausgeber von Il Trentino dem politischen und kulturellen Diskurs – ein Engagement, das er über fünf Jahrzehnte hinweg fortführte, von seiner Tätigkeit als Abgeordneter im Parlament der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (Reichsrat) bis hin zu seiner Rolle als italienischer Ministerpräsident und angesehener europäischer Staatsmann. Sein Beitrag zur demokratischen Erneuerung Italiens und zur Wiedereingliederung des Landes in die internationale Gemeinschaft in der sogenannten „De-Gasperi-Ära“ war tiefgreifend.

Auch Otto von Habsburg war ein leidenschaftlicher Verfechter der kulturellen Vielfalt Europas. Er stellte sich ein Europa vor, in dem Gewissensfreiheit, historisches Gedächtnis und pluralistische Identitäten das Fundament – und nicht das Hindernis – der Einheit
bildeten. Zeit seines Lebens warnte er eindringlich vor den Gefahren, denen der Kontinent ausgesetzt war.

Wie De Gasperi lehnte auch er eine engstirnige, rein wirtschaftliche Auffassung des europäischen Projekts ab. Er forderte eine spirituelle und moralische Erneuerung Europas – verankert in christlichen Werten und der freien Entfaltung kultureller Identität. Er war überzeugt davon, dass kulturelle Vielfalt nicht nur wünschenswert ist, sondern auch eine zentrale Bedeutung für die Stabilität und Identität des Kontinents hat.

Ottos Vision von Europa beruhte auf der Überzeugung, dass die vielen kulturellen Traditionen – so unterschiedlich sie auch historisch gewachsen sind – innerhalb einer größeren politischen Gemeinschaft koexistieren können, die auf Solidarität und Subsidiarität basiert. Unter seiner Führung setzte sich die Paneuropa-Union mit Nachdruck für die Rechte von Minderheiten ein, insbesondere für deren kulturellen Rechte. Sein Engagement für den EU-Beitritt Ungarns, Sloweniens und Kroatiens zeugt von seiner tiefen Überzeugung von einem inklusiven Europa.

Sowohl De Gasperi als auch Otto von Habsburg wussten, dass ein wirklich vereintes Europa nicht durch Märkte oder Machtstrukturen entsteht, sondern durch Dialog, Vertrauen und ein unerschütterliches Bekenntnis zur Menschenwürde. Die Antworten auf die Zukunft Europas liegen in der kulturellen Vielfalt, im Dialog und in der Würde aller Völker. Heute können
wir De Gasperis Überzeugung bekräftigen, dass ein Europa, das seine kulturellen Besonderheiten schützt und schätzt, auch ein Europa ist, das zu einer tieferen politischen Integration fähig ist.

Europa darf im 21. Jahrhundert keine Festung der Angst oder exklusiver Identitäten werden. Es muss ein offener Raum für Kultur, Begegnung und Austausch bleiben. Mehr denn je ist Kultur eine Kraft, die dort eint, wo Politik trennt, und dort heilt, wo die Geschichte Wunden hinterlassen hat.

Nachdem bedeutende Fortschritte in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und im politischen Kompromiss erzielt wurden, ist es nun an der Zeit, dass Europa sich der Erinnerung, dem kulturellen Erbe und den gemeinsamen Werten zuwendet. Eine neue Phase
der Integration muss die kulturelle Vielfalt feiern – nicht bloß dulden. Europa lebt nicht nur von Regeln, sondern auch von der Kreativität seiner Künstler, der Vision seiner Denker und dem Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger.

De Gasperi und von Habsburg formten Europa nicht im Streben nach Vorherrschaft, sondern als eine Gemeinschaft der Völker und Kulturen. Ihre Vision ermutigt uns, Europas Vielfalt nicht zu fürchten, sondern sie als seine große Stärke zu begreifen.